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…in Bälde mehr.

Nach dem dicken B (Berlin) ist Barcelona die wohl hippste Stadt Europas – allzeit dynamisch, vibrierend und ständig den täglichen Spagat aufrechterhaltend zwischen Altem und Neuem. Gaudí, der Meister der organischen, wechselhaften – trotzdem fassungslos zeitlosen – Architektur, dominiert den touristisch geprägten Teil von Barça. Häuserfronten, die dem kindliche Charme einer Spielzeugwelle folgen, erzeugen konstante Spannungen im Auge des Betrachters; den Moment der Ruhe verweigernd. Gaudís komplexer Archiktur-Kosmos ist voller Absurditäten, ein wundervoller Kniefall vor dem einzigartigen – in Gaudís Worten „göttlichen” – Wesen der Natur. Ein Baum hier, ein Ast dort, eine aufgelöste, doch irgendwie innerlich verdrehte Ansammlung von Beobachtungen: gezeichnet auf Papier, voller Erstaunen und Zweifel durch Arbeiter, durch den Einsatz lokaler Baumaterialien, in jahrelanger und mühevoller Arbeit umgesetzt; Super-Gaudí war schon in der Entstehungsphase schwer zu begreifen, und doch wirkt alles so natürlich – geborgt von der Natur und ergänzt.

Anno 2010 trafen sich vom 24.06. bis 28.06. Roberto,  Stephano, Don Mikele aus Dresden und Sebas zum letzten Mal im Tann zu Tunhovd, um das Camp 2010 zu leben – ganz im Zeichen der Fussball-WM in Südafrika.

Nigeria-Connection

Es gibt sie in vielen Varianten, vorwiegend im virtuellen Netz; wichtig klingende Namen fragen nach deinem Geld, welches auf ein vorgegebenes Konto überwiesen werden soll, um es später – mit einem Aufschlag -  wiederzubekommen. Beim Bezahlen des Autoparkplatzes in Oslo-Gardermoen mit meiner Kreditkarte gab es die übliche Warteschlange. Vor mir, ein feiner Herr mit negriden Gesichtszügen. Er bezahlte, nahm seine Karte – den Passierschein – und ging. Ich tat ihm gleich, bis eine fast unscheinbare Hand nach meiner Kreditkarte im Automaten griff und mich fragte, ob das nicht seine wäre. Der feine Herr im Zwirn lächelte mich an, sah das TNT in meinem Gesicht explodieren und zog die Hand schnellstmöglich wieder zurück. Ein typischer Fall für das (fast) sichere Auftreten der Nigeria-Connection.

Ein Camp, viele Spiele, ein neu aufgelegter Klassiker von 1966, sommerliche Temperaturen rund um Eisloch (der Fjord), Edelfood und multimediales Nomadentum: ein hochinteressanter Mix, der uns alles, aber auch alles abverlangte. Wir reisten, wieder vollbeladen mit unserem Camp-Wagen, von Oslo-Gardermoen Richtung Nesbyen, um dort im einheimischen Supermarkt Schrimps, Wasser und norwegisches Øl zu kaufen; wichtige Zutaten, um unserer internationalen Küche ein wenig lokalen “Touch” zu geben. Im Supermarkt entdeckte ich eine mir bis dahin gänzlich unbekannte Spezie: der Ølumschichter – ein Mann, im Wahn die perlige Suppe  zu bändigen. Ich fragte ihn, ob er wüßte, wo der Artikel X, also kein Øl, zu finden wäre. Fast lallend, in feinstem Nordnorgisch, kam seine Antwort daher “…er mache nur in Øl, bei den anderen Waren ist er sich nicht sicher.” Klar, oder?

Gegen 17:00 Uhr wurde dann endlich das Camp aufgeschlosssen, ein sofortiger Test des einäugigen Monsters (TV) auf Satellitenempfang – mit Schwerpunkt Sportkanäle -  vorgenommen und auf Fussball getunt. Vini, fini e comuni…und die Spiele liefen. Das Camp 2010 im Tann zu Tunhovd war eröffnet.

Tunhovd - Das Camp 2010 - Eröffnung Tunhovd - Das Camp 2010 - Stephano und die Leinwand

1. Spieltag, Donnerstag

Am späten Nachmittag kündigte sich die zweite Überraschung in Südafrika ab: Weltmeister Italien verlor sein letztes Gruppenspiel gegen die Slowakei mit 2:3, schied aus und reihte sich damit in die Liga der berühmten aber überbewerten Fussballnationen ein. Les Bleus, die Franzosen, waren schon zwei Tage früher an Südafrika gestolpert und diese Chuzpe wurde national als auch international belächelt, bedauert als auch betrauert. Wie konnte so etwas nur passieren? Das Ausscheiden der Squadra Azzurra – dem Weltmeister von 2006 -  liess dageben nur eine Lächesperre zu, da mit unterirrdisch gespielten Fussball kein Titel zu verteidigen ist.

Tunhovd - Das Camp 2010 - Don Mikele und Sebas Tunhovd - Das Camp 2010 - Roberto beim Boot(en)

Während Don Mikele, Roberto und ich auf der Veranda hähmisch, aber doch nachdenklich über den unrühmlichen Abgang beider Teams nachdachten, ließ Stephano keine Zweifel aufkommen, wie man eine Grille zubereitet. Sorgfälltig wurden alle Zutaten gemischt, auf das Grillrost gelegt, mit Salat, Gurke, Käse und Ketchup dekoriert: Le TunhovdQuarterPounder – ein wahrliches Kraftpaket.

2. Spieltag, Freitag

Tunhovd erwachte – in diesen Nordlagen wird es ja nicht wirklich dunkel -, und die Stadtnomaden bereiteten sich auf den 2. Spieltag im Camp 2010 vor. Mutigen Schrittes wagte sich Roberto als erster in das kühlende (eisige) Nass des Fjordes. So richtiges Beach-Feeling wollte dabei aber nicht aufkommen.

Tunhovd - Das Camp 2010 - Roberto und Sebas am Fjord Tunhovd - Das Camp 2010 - Roberto, Don Mikele und Sebas am Fjord

Der Tag verlief nordisch ruhig – keine Aufregung, keine Termine, nur wenige Telefonate -, Entspannung pur. Kulinarische Wegweiser wurden ebenfalls wieder ausgelegt: ausgenommenene Doraden, mit Rosmarin und Knoblauch gespickt und auf dem Grill zubereitet.

Tunhovd - Das Camp 2010 - Don Mikele an den Doraden Tunhovd - Das Camp 2010 - Roberto und Sebas

Portugal gegen Brasilien (0:0) am Nachmittag. Chile gegen Spanien (1:2) am Abend.

3. Spieltag, Samstag

Uruguay gegen Nord-Korea (2:1) am Nachmittag. USA gegen Ghana (1:2) am Abend.

4. Spieltag, Sonntag: der Klassiker

An diesem Tag stand viel auf dem Spiel, eine Wiederholung des WM-Klassikers von 1966, Deutschland gegen England, welches diesjährig 4:1 für Deutschland endete. Argentinien gegen Mexiko (3:1) am Abend.

Zum Spiel gab es Schweinebraten, zubereitet von Roberto. Kartoffelsalat mit geräucherter Kveite (Heilbutt), zubereitet von Don Mikele.

Bei der schieren Masse an Fussball, sei an dieser Stelle eine fast vollständige Sonette angemerkt, aufgeschrieben von Thomas Gsella:

Wär’ der Ball zehn kleine runde
Scheiben und die elf ein Mann,
und man spielte Stund’ um Stunde,
bis der Gegner nicht mehr kann;

wär’ es klug, je drei der Kleinen
so zu legen, daß der Feind
nicht mehr weiß, wohin mit seinen,
und sein Spiel verloren scheint;

wär’ der Rasen ganz aus Pappe,
und man brauchte Tisch und Stühle:
Dann wär’s nicht Fußball sondern Mühle.

Abfiff, aber die Spiele gehen weiter, so auch die kommenden Hüttenseminare – nur der Tann  zu Tunhovd wird uns nicht mehr zur Verfügung stehen. In 2011 wechseln wir die Lokation und ziehen, in Norge verbleibend,  Richtung Süden.

Tunhovd - Das Camp 2010 - Roberto, Stephano, Don Mikele und Sebas

Es gibt Pre-Openings für Casinos, warum also nicht auch Pre-Openings für Skisprungschanzen. Sonntag, den 14.03.2010 war es dann soweit, der neue Holmenkollen in Oslo wurde offiziel, auch vom König Harald, feierlich eingeweiht. Skispringer sind Vielflieger und bekommen wahrscheinlich Libidoschübe, wenn sie die 140 m Marke überfliegen. Der Schanzenrekord an diesem Tag lag bei 152 m.

Die Inszenierung des Events war perfekt abgestimmt mit dem Wetter; strahlender Sonnenschein liess Tausende von Norgern und vor allem Polen zum neuen, alten, Symbol Oslos strömen. Am Ende gewann ein junges Schweizer Talent mit deutlichem Vorsprung vor einem Polen.

HolmenkollenII_PreOpening

HolmenkollenII_PreOpening_März 2010 (ein Norger fliegt ein)

Es sollte kein normaler Familienausflug werden. Mein Bruder Tomase und ich wollten alten Chic in neuen Schläuchen erleben und erkundeten Südmarokko vom 6.02. bis 20.02.2010 – natürlich on the road.

Oslo-Marrakesch
Endlich mal wieder auf Tour und gleich zu Beginn 2010 – das kann nur gut werden. Entspanntes reisen fängt bei mir gegen Mittag an, zum Flughafen nach Oslo fahren, einchecken, Kaffee trinken und Zeitung lesen, danach in den Flieger steigen und los. Nach 4 ½ h erwartete mich ein Blick auf den sonnigen Flughafen, während ein lachender Pilot in der Kanzel erklärt, es herrsche – mal wieder – ein wenig Chaos bei den Fluglotsen im Tower zu Marrakesch, und ein paar Extrarunden stehen an, bevor zur Landung angesetzt werden kann. Warme 25°C erwarten mich und der Gang vom Flieger zur Abfertigungshalle lässt vergessen, dass in Oslo Winter ist und sich der Schnee meterhoch türmt.

Die Einreise nach Marokko basiert – ähnlich wie in Russland und Mexiko – auf dem Prinzip des Ausfüllens eines Formulars, entgegengenommen von einem Beamten in einem Glaskasten; ein anderer schaut dabei zu und sagt irgendwas, das schwere Durchrasten eines Stempelapparates ist zu hören und – wenn alles gut geht – man darf einreisen. Wenig später warten zwei weitere Beamte, um den Stempel zu prüfen. Das ist fast tragikomisch, auch deshalb, weil es nicht anders zu funktionieren scheint. Immer ist einer zu viel, einer der rumsteht, oder manchmal auch zwei.

Nachdem auch diese Hürde genommen war, kam der Ausgang nahe, aber eine weitere Gepäckdurchleutung ließ mich zweifeln. Eine Familie mit Kinderwagen, dessen schiere Größe der Maschine Probleme bereitete, ließ die nächste Schlange entstehen. Einige Norger fingen an, der Mensch-Maschine auszuweichen, indem sie einfach daran vorbeigingen. Anfängliche Rufe der Beamten wurden nachgekommen, man kam zurück, andere wiederum machten sich auf den Weg. Es konnte nicht gutgehen, und alle wurden schließlich durch gewunken. Endlich war ich draußen, Tomase wartete schon, das Auto war bereits abgeholt, und die Tour konnte losgehen – auf nach Marrakesch, dem magischen Theater der vielen Logen.

Reisender, wann kommst du nach Imlil?
Imlil ist ein Ort, wo Panoramafototapete erfunden wurde. An einem breiten, aber ausgetrockneten Flußbett, hängt eine Siedlung faktisch am Fuße des Berges. Graues Gestein geht über in Ockerfarben und fließt dunkler werdend über die Häuserfronten, sich wieder aufhellend, in den Sand.

Marokko 2010_Djebel Toubkal - Abstieg

Vom Hotel Riad-Imlil, unserem Eckhotel mit angrenzender Wildwasserautobahn machten wir uns morgens auf den Weg mit leichtem Gepäck, um Marokkos höchstem Berg, dem Djebel Toubkal (4167m), ein wenig näher zu kommen.

Reisende, kommt einen Tee trinken! Diese Aufforderung hörten wir oft auf dem Weg in die Berge. In der ersten Hütte trafen wir auf Hassan, dem Cousin von Rashid, dem Besitzer vom Eckhotel. Wenig später trafen wir in der zweiten Hütte auf den Edelschwätzer; ununterbrochen wurde auf uns eingeredet – wir sollten doch schwere Teppiche, oder Holzwaren kaufen.

Teile der Außenwand – mit Fenster – eines Kleinflugzeuges zeugten vom makabren Charme in der vierten Hütte. Vor Jahren war um den Djebel Toubkal ein Flieger der marokkanischen Fluglinie abgestürzt – niemand soll den Sturz ins Gebirge überlebt haben. Nach 3 h Aufstieg erreichten wir die fünfte und auch letzte Hütte, bevor wir umkehrten. Der Betreiber dieser Einöd, ein junger Berber mit fescher Sonnenbrille, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und hatte schon Stunden zuvor den Gran Chillout eingeleitet. Er hatte die Berge, die Getränke wurden ständig durch Bergquellwasser gekühlt und ab und zu kamen ein paar Touris vorbei.

Schatz im Silbersee

Wieder on the road, vom Hohen Atlas in das Anti-Atlas Gebirge, mit dem Ziel Tarafaoute. Wir passierten wunderschöne Täler mit blühenden Mandelbäumen, weit ausladenden Arganbäumen, früchtetragenden Feigenkakteen, aus Lehm gestampften Kasbah-Ruinen, Bergformationen, die Ähnlichkeit hatten mit den Gewürzkuppen auf den Märkten und silbrig schimmernden eingebetteten Seen, welche Kindheitserinnerungen an Karl May Verfilmungen weckten.

Der Apachenhäuptling und der Gringo Old Shatterhand mussten jeden Moment im Wohnwagen vorbeifahren. Taten sie aber nicht, den die rollenden Festungen wurden von Franzosen gesteuert – Marokko gilt als Karawanen-Mekka für Wohnmobile. Am Test-Pass machten wir halt um die Aussicht zu genießen, ich bestellte einen Tee und Gebäck und ließ mich – klassisch – „abziehen“; 50 Dirham wollte er haben, da die Kekse von seiner Mutter gebacken wurden und den ganzen Weg bis zum Pass transportiert werden. Das machte natürlich Eindruck auf mich, die anschließende Rechtfertigung gegenüber Tomase weniger. Aber wie heißt es doch so schön: Lesson learned und die Kekse kamen nicht von Mutti, sondern waren einfache Ladenhüter, die weg mussten. Zukünftig wurden von uns alle monetären Anschaffungen im Gegenwert vom Test-Pass Tee berechnet: Eine Tajine, Salat und Cola kosteten demnach 2 Test-Pass Tees.

Sidi Ifni lädt zum Kaffee
Sidi Ifni, in Südmarokko am Atlantik gelegen, ist in vielerlei Hinsicht überraschend. Die Spanier übernahmen 1880 den Ort, welcher erst 1934 an Marokko zurückgegeben wurde. Die Stadt fällt auf – sowohl durch den stetigen Zerfall seiner Bausubstanz als auch durch die schiere Freundlichkeit seiner dreisprachigen Bewohner: marokkanisches Arabisch, französisch und spanisch werden fließend gesprochen. Sidi, der „Herr“ im Arabischen, zwingt den Reisenden seinen Rhythmus auf. Nach dem Kaffee ist vor dem Kaffee, denn Kaffee schmeckt zwar wie Kaffee, scheint aber keiner zu sein, da die eigentliche Wirkung des Coffeins auszubleiben scheint. So werden leere Gläser stetig durch neue – volle – ersetzt und nach dem Kaffee wird zu vor dem Kaffee.

Herr Ifni, der Marokkaner
Marokkaner lieben das klönen mehr als alles andere und ist damit – neben Fußball (FC Barcelona) – Tagesgeschäft. Wer klönt, der kennt sich aus und weiß Bescheid. Es wird sich über andere das Maul – sprichwörtlich – zerrissen. Besonders offensichtlich wird es, wenn das rhetorische Gestapfe über andere soweit geht, dass es den Marokkanern unmöglich erscheint gewisse Lokalitäten oder Bars zu betreten, weil sie Tage, Wochen oder sogar Monate vorher alles hochgeholt haben, was Schlamm und Schlick an (Un)wichtigkeiten so hergeben. Ob sie dadurch ein schlechtes Gewissen haben und deshalb nicht eintreten wollen? Einen gewissen Schuss ins Hirn der Marokkaner lässt das schon erkennen.

Herr Ifni und das surfen
Surfen in Sidi Ifni – für Anfänger, Fortgeschrittene als auch Profis – ist ein Hochgenuss. Surfspots gibt es ausreichend entlang der Küste Richtung Süden. Die Hausbucht unterhalb vom Suerte Loca wechselt ihr Gesicht (die Intensität und Größe der Wellen) in Abhängigkeit von Ebbe und Flut. Am Hafen geht es wesentlich entspannter zu: kleinere Wellen und ein wunderschöner Sandstrand. Aus dem Wasser ragen die alten Ruinen der Containerhafenanlage und für einen kurzen Moment kommt das Gefühl hoch, man ist auf dem Planeten der Affen gestrandet – zwei Surfonauten auf fremden Boden.

Marokko 2010_Sidi Ifni - Puerto (Tomase & Sebas)

Ist surfen Sport, oder einfach nur das Folgen der Berufsprediger aus der Lifestyle Branche, die zum werbewirksamen Ritt auf den Wellen aufrufen, um einen weiteren Trend zu vermarkten? Es ist sicherlich beides und vielleicht sogar gefährlich. Surfen ist Sport, anspruchsvoll, mit voller Hingabe seinen Körper den Wellen ausliefern, da man tief fallen kann, wenn man fällt. Surfen macht abhängig. Sicherlich, je besser man wird, desto mehr Wellen gibt es zu reiten, und es kommen stetig neue dazu. Surfen macht glücklich. Die Sonne geht unter, die Welle trägt das Brett bis zum Strand, man steigt herunter und ist zufrieden – ein Gefühl von Glück stellt sich für den Moment ein, das noch lange danach anhält.

Marokko 2010_Sidi Ifni - Puerto (Tomase)

Herr Ifni und das Wetter
Ebenfalls überraschend in Sidi Ifni ist das Wetter, welches – normalerweise – geprägt ist durch zwei wiederkehrende Jahreszeit: den heißen trockenen Sommermonaten folgen kühlere Monate dazwischen mit leichtem Regenfall. Der Februar ist als Wechselmonat bekannt, aber die letzten Tage waren anders als Herr Ifni sich sonst präsentiert. Sturmwolken zogen vom Atlantik heran, der Himmel öffnete seine Schleusen und das Inferno ging über uns nieder: bereits lädierte Straßen wurden zu reißenden Bächen, Treppenpromenaden wurden zu Wasserfällen und das Meer wurde zum riesigen Caffe Latte Rührwerk; Flüsse transportieren mitgerissenen Schlamm aus den Bergen und mündeten unweit unseres Hotels ins Meer. Für Kaffeeliebhaber wurde die ausladende Mündung zum farben-theoretischen Gourmetereignis, und konnte, von unserer Terrasse aus, mit einer weiteren Tasse Kaffee, verfolgt werden.

Für uns Surfnomaden hat das bizarre Schauspiel aber katastrophale Folgen, da surfen unmöglich wird, und ein Tag ohne surfen (für Leute die es wirklich lernen wollen) wie ein Tag ist ohne Internet (für Leute, die „es“ wirklich wissen wollen).

Herr Ifni und die großen Träume
Ein guter Road Trip hat immer etwas mit großen Namen, zu tun. Die Eintrittskarte zum Tempel der Coolness geht heute an den Laden von Hisham, der Bob – welcher gepostert lachend über seiner Tür hängt – über jegliche anderen großen Prediger stellt. Doch auch Bob ist nicht stärker als das Meer: es ist einfach sehr groß – akhbar. Sein Surftempel hatte erst vor 7 Monaten aufgemacht und dreisprachig führte er mich herum und mir wurde sofort klar, dass ich die Eintrittskarte einlösen musste. Das Geheimnis von Tourismus liegt wahrscheinlich darin, dass man Tourismus nicht merkt, er geht an einem vorbei und das Gefühl für Qualität kommt zurück. Ich dachte an Berberschönheiten beim Betrachten der Ketten und an kaffeetrinkenden Saadis auf ledernden Sitzkissen.

Die letzten Jahrzehnte Tourismus sollen angeblich mehr zerstört haben als 300 Jahr Kolonialismus – so sagt man -, aber guter Tourismus ist bezahlen und wissen das Geld ist gut angelegt, weil das Konzept stimmt. Hishams Konzept ist so einfach wie nur möglich: Geld machen, um eine Surfschule aufzumachen, aber nicht in Sidi Ifni, da sei zu viel Konkurrenz. In Casablanca oder Agadir wäre besser. Auch im Tempel der Coolness braucht man zum Reisen Eintrittskarten, um sich Träume zu verwirklichen. Dass Hishams Träume auf Expertise bauen, kann ich nur bestätigen. Als Surflehrer kennt er das Meer, wie kein anderer: es ist einfach sehr sehr groß – akhbar.

Marokko 2010_Sidi Ifni - Puerto (Hisham)

Herr Ifni und der Halbmond (Media Luna)
Media Luna aus Sidi Ifni spielen Musik für die Zukunft, der Zukunft Sidi Ifnis. Die halbstarken Renegaten beherrschen ihre Instrumente zweifellos, der Bassspieler griff noch schnell in den halboffenen Verstärker und nach wenigen Minuten wird aus Rauschen Klang – Bass satt. Der Sänger der Gruppe war auf seinem roten Ohrensessel ganz nach vorne gerutscht, das Basecap in die Stirn gezogen, Tee aufgießend und auf seinen Einsatz wartend. Der Gitarrist ließ von seinen Aufwärmübungen ab und begann einen spanisch intonierten Rhythmus zu spielen. Der Bass setzte ein und eine ungewöhnliche – funky klingende – Melodie spielte der Gitarre zu. Unter dem Banner des Halbmondes stehend, erhob der Sänger seine Stimme und der marokkanische Klangteppich hob ab mit dem Ziel Zukunft – und die Jungs von Media Luna haben eine goldene Zukunft vor sich.


Sidi Ifni aus der Sicht von Tomase
Hussein
Hussein sieht aus wie 80 Jahre alt und eigentlich könnte er sich im Haus seiner Familie, die ihn verpflegt, entspannt auf den Sitzkissen zurücklehnen. Die Familie übernimmt in den meisten Teilen der Welt was bei uns die Rente ist, eine solche gibt es nicht in Marokko. Hussein möchte trotzdem arbeiten – und zwar in der Tourismusbranche. Weil es kaum Jobs in Ifni gibt, und für Senioren ohne große Fremdsprachenkenntnisse im Tourismus schon ganz und gar nicht, hat er sich selbst eine Arbeit geschaffen. Er setzt sich nachts auf einen Stuhl vor das Hotel und bewacht die Autos (die hier sicherlich nicht bewacht werden müssen). Er hat einen Zettel, auf dem steht, dass er für seinen Service 60 Dirham (6 Euro) in der Woche bekommt. Jeden Abend wenn man nach Hause kommt, gibt man ihm ein bisschen was. Nicht ohne eine kleine Konversation mit Hussein anzufangen. Er spricht kaum Französisch oder Spanisch, aber er hat Humor und man kann wunderbar das am selben Tage erlernte Arabisch mit ihm austauschen. Immer freut er sich, bietet die Hand zum „High Five“ und anderen Moves; kontrolliert, ob man noch alle Zahlen drauf hat. Die Jungs, die sonst so an der Ecke rumstehen übersetzen bei Bedarf, denn natürlich muss man mit Hussein auch ein bisschen verhandeln, das gehört dazu, dann gibt’s auch von Hussein Anerkennung.

Wechselgeld
In Ifni ist es eine größere Schwierigkeit, 200-Dirham Noten (20 Euro) loszuwerden. Die Verkäufer gucken einen dann fragend und etwas vorwurfsvoll an, manchmal rennen sie los um den Schein in einem anderen Laden zu wechseln; ein anderes Mal haben sie keine Zeit dazu weil andere Kunden warten oder es gibt keinen Laden um die Ecke, der das wechseln würde. Dann sagt man einfach, man kommt später oder am nächsten Tag vorbei um seine Schuld zu begleichen. Der Verkäufer sagt „gut“ und man geht, erst mal ohne zu bezahlen. Der Rest ist Ehrensache, und das funktioniert erstaunlich gut. So lebt es sich sehr angenehm!

Fliegen
Marokkanische Fliegen verhalten sich anders als ihre europäischen Verwandten. Unsere Fliegen sind scheu, sie fliegen viel und sitzen selten rum. Genau das Gegenteil bei den Fliegen hier: Guckt man einen Film, kann es eine Fliege gut und gerne schaffen, den ganzen Film über an derselben Stelle auf dem Bildschirm zu verharren. Die Fliegen setzen sich auch gerne irgendwo bei jemandem ins Gesicht und lassen sich kaum verscheuchen, sie setzen sich immer wieder an dieselbe Stelle. Nur wenn man die Hand zum Fliegenfang oder gar Fliegenmord krümmt … dann sind sie blitzeschnell.

Dauerregen
Eigentlich regnet es in der Wüste nicht – sollte man vermuten. Es regnet aber seit 5 Tagen fast ununterbrochen. Weder Häuser noch Straßen sind darauf eingestellt. Das Wasser reißt tiefe Gräben in die Straßen in der Stadt, Brücken werden überflutet, die Landstraßen wegen heruntergespülten Steinen und Erde an manchen Stellen kaum passierbar. Die Treppe zum Strand hat sich in einen Wasserfall mit Kaskadenfunktion verwandelt. Bei den Häusern ist das Problem, dass sie oben offen sind und die Putzkolonne die halbe Zeit mit Wischen beschäftigt ist. Gestern kamen daumennagelgroße Hagelkörner herunter – das erste Mal in 13 Jahren, dass es hier hagelt.

Sprachen
Allgemein gesehen stehen die Deutschen in Sachen Fremdsprachen gar nicht schlecht da. Sicher, Skandinavier und Holländer sind gerade mit Englisch immer noch besser – dagegen stehen die eher sprachfaulen Spanier und Italiener. In Sidi Ifni sollten sie alle vor Scham erröten! Was die Marokkanier mit eher wenigen Schuljahren zustande bringen, fordert uns größten Respekt ab. Ich übertreibe nicht: Einige Leute hier sprechen besseres Deutsch als so manche, die seit 20 Jahren in Deutschland leben. Fragt man, wo sie das gelernt haben, hört man „zu Hause mit dem Buch“, „als ich mal in Agadir gearbeitet habe“, „mit einem Sprachlehrer“. Also kein Sprachaufenthalt, keine vier Schuljahre. Und das ist nur Deutsch. Fast alle sprechen französisch und spanisch – viele fließend; dazu kommt Englisch. Wenn man sich klarmacht, dass jeder Marokkaner von sich aus lernen muss:

Die Sprache seines Elternhauses / Dorfes. Einer der drei Berbersprachen.

Den marokkanischen Dialekt des Arabischen, die Umgangs- und offizielle Landesprache

Standard-Arabisch, die Sprache des geschriebenen Wortes (und damit der Zeitungen, Filmuntertitelungen, …),

welche außerdem die Sprache ist, in der sich alle Araber untereinander verständigen können. Nun versteht man, dass Sprachen einen großen Teil des Lernens hier ausmachen. Die Marokkaner nutzen dieses Vermögen gern, um sich mit Fremden auszutauschen. Vielleicht wirken sie deshalb so tolerant, offen und freundlich und manchmal sogar richtig weise.

Hassan
In Marokko heißen die meisten Leute Hassan oder Mohammed. Um sie unterscheiden zu können, bekommen die Hassans Beinamen: Hassan el Aleman (weil er deutsch spricht), Hassan el Espaniol (er mag Spanien), Hassan Thalassa (er hat 2001 die französische Sendung „Thalassa“ nach Ifni geholt). Letzterer ist wahlweise auch „Hassan der in Europa gelebt hat“.

Polizei
Neulich haben wir unsere Surfbretter aufs Autodach geschnallt, eine ziemlich notdürftige Konstruktion mit zwei Gummiriemen. Am Ortsausgang lauerte die Polizei und winkte uns prompt heraus. Für die im Falle eines Unfalls gemeingefährlichen Surfbretter hatten sie kein Wort übrig, auch nicht für die Tatsache, dass im Auto niemand angeschnallt war. Stattdessen schauen sie sich genauestens die aus fünf einzelnen Blättern bestehenden Papiere des Mietautos an, könnte ja was fehlen und man könnte Geld vom Touristen verlangen. Einen Führerschein hatte ich nicht dabei, nach ein bisschen Diskussion ließen sie uns dann weiterfahren.

Meistens steht die Polizei aber an einer Kreuzung mit Stoppschild und winkt großzügig die Autos durch. Wer nicht richtig stoppt, wird heraus gewunken. Nach dem Motto „Hauptsache der Schein stimmt“ hält die ganze Stadt natürlich nur am Stoppschild, wenn die Polizei da ist, wenn nicht, fädelt sich der Verkehr schon irgendwie ein.
Die Lieblingsbeschäftigung der Jungs von der Polizei ist aber, auf der Wache herumzuhängen. Dem Einen war das neulich zu langweilig, weshalb er dem Gärtner die Säge wegnahm und sich selbst, in Uniform wohlgemerkt, ans Absägen der abgestorbenen Palmblätter machte – ein richtiger marokkanischer Palmenpolizist eben.


Es geht weiter…(Texte von Sebas)

Marrakesch

Wir sind seit gestern, 19.02.2010, wieder im magischen Theater der vielen Logen: der Stadt der Gaukler, falscher Propheten, Wahrsager, Schlagenbeschwörer, nie-müde-werdender Händler und Marktschreier, Barbiere – Stadt des Überflusses und gegensätzlicher fürchterlicher Armut zugleich. Wir ziehen durch die Medina, dem inneren Stadtkern von Marrakesch; scheinbar endlos die immer wiederkehrende Auswahl an Gleichem. Immer gleich auch der Kollektivsingular der Händler: “Komm, gut Preis, bien prix, bien precio, good price…”. Schaust Du einem Händler auf der Straße in die Augen, bist Du schon fast verloren. Es geht sehr sehr schnell. Du bist selbst unsicher, ob Du “es” brauchst, den Schmuck, den Teppich, die Babouches, die Holzware, den Teekessel, die Masken, Tücher, Lampen, Kräuter – all die sekundären Wichtigkeiten für die Casa daheim. Dann tritt man doch hinein in den kleinen Laden und nennt einen Preis. Der Händler lacht und sagt “500 Dirham, weil es Silber ist mit Onyx-Steinen besetzt, las lagrimas negras…” Stimmt wohl, die Steine sind in echtes Silber eingepaßt und sehr schön herausgearbeitet, aber 50 Euro! “Monsieur”, so erwiedere ich, “150 Dirham für das Teil.” Eine gewisse Unsicherheit liegt in meiner Stimme. “450 Dirham”, was für eine Unverschämtheit, aber das Händlerdenken in Marrakesch ist auf das Feilschen aus und nach einiger Zeit einigen wir uns 240 Dirham. Noch schnell die Ohrringe im selben Stil – natürlich zum halben Preis -, und ein Hochgefühl stellt sich bei mir ein.

Marokko – Klaviatur für neue Melodien
Viele Töne wurden im Laufe der Jahrhunderte im Gebiet des heutigen Marokko (an)gespielt: Berber, Araber, dann wieder Berber, Portugiesen, wieder Araber und Berber, Spanier und Franzosen, zwischenzeitlich auch die Deutschen (Panthersprung nach Agadir 1911), dann wieder Berber und Araber – ein gewaltsames kommen und gehen, eine Klaviatur gespielt zu Gewalt, Reichtum, Macht, schöner Künste und natürlich Glauben. Heute ist Marokko auf dem Weg – nach unseren Vorstellungen – ein modernes Land, unter dem Glaubenbekenntnis zum Islam und seiner Rechtssprechung, zu werden. In 2012 wird Marokko der EU-Freihandelszone beitreten; ein wichtiger Schritt sich der europäischen Union zu öffnen. Marokko wird neue Töne auf seiner existierenden Klaviatur spielen – aufbauend auf alten Melodien.

Lords of the Longboards

Surfer kommen und gehen, so auch wir. Wellen kommen – immer wieder. Im französischen Baskenland liegt Biarritz, idylisch gelegen an der Atlantikküste und ein Surferparadies. Von Oslo ist der Weg dorthin recht unbeschwerlich; mit dem Flieger nach Bordeaux, Mietwagen am Flughafen abholen und dann mit Tempo 140 auf der Autobahn. Überraschungen gab es in Form von Flitzerblitzern, welche, anders als in Skandinavien, nicht angekündigt werden und Wände aus Regen. Regen, wie ich ihn noch nicht erlebt habe – Wasserfälle waren es schon eher. Die Nacht wurde lebendig und die Scheinwerfer unseres Citroën liessen uns aufschrecken. Szenen wie aus dem cineastischen Überraschungscoup “Pitch Black”; surreal, faszinierend und doch erschreckend. Nach knapp 2 h Fahrt kamen wir (Taro, Marit und ich) an. Biarritz ist wunderschön gelegen und selbst im späten September fühlt es sich sehr subtropisch an. Surfakademin hatte für uns Räumlichkeiten im Hotel Palym gebucht, unweit vom Strand und vom Hauptquartier der Surfgurus.

Surfakademin ist ein schwedisch geführtes Business, deren Mitglieder Jens, Peter und Anton begeisterte erfahrende Surfnomaden sind, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben und damit sehr erfolgreich sind. Es wird ausschließlich nach hawaiianischer Methode gelehrt – die Surflehrer befinden sich generell immer im Wasser neben Dir. Surfen, wie schon in Puerto Escondido, Mexico in 2008 erlebt, ist pure Körperbeherrschung; die Welle verstehen, die Angst zurückstecken, die Welle kommen lassen, kurz vom “point break” kräftig paddeln und sich schnell aufdrücken, stehen, Beine auseinander und in die Knie gehen…der Blick steuert das Brett, wo geht die Welle hin, wo will ich hin? Essentielle Fragen, die man sich aber meistens erst danach stellt.

Gesurft wird entweder in Hendaye, ca. 30 km westlich von Biarritz oder in Biarritz selbst, entlang der Côte des Basques, dem Geburtstort des modernen Surfens in Frankreich – 1957 ging es los. Generationen von Surfern können wahrscheinlich nicht irren, denn emblematisch, fast gebetsmühlenhaft, wird häufig der nachfolgende Vergleich angeführt:

Wenn man sich zwischen zwei Stränden entscheiden kann, dann ist einer davon immer Biarritz.

Von Hendaye ist es nicht weit bis zur spanischen Grenze, bis San Sebastian fährt man ca. 1 h.

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Da geht noch was – feurige Noblesse im Tann zu Tunhovd

Dulce et decorum est pro aestive Tunhovde. – Süss und ehrenvoll ist der Sommer in Tunhovd.

Vom 2.07. bis 6.07.09 trafen sich wieder alte und neue Freunde zum 3. Hüttenseminar im Tann zu Tunhovd; diesmal waren Michi aka Migl aus Basel, Timo, Roberto, Stephano, Turbo und Sebas dabei. Es deutete sich bereits eine Überraschung hinsichtlich des Wetters an: es war heiss, wolkenlos, Licht oder besser Überlicht – raus aus Mitteleuropa, auf nach Norge.

Michi war schon ein paar Tage früher aus Basel angereist, und so machten wir uns gemeinsam daran alle Leckereien in Oslo zu kaufen; kulinarisch sollte es wieder superlativ zugehen – dafür sorgten Hirsch, Tunfisch als auch frischer Dorsch. Wir genossen das Leben bei mir Garten, auf dem Dach der Oper und wahlweise am Strand der Steine in der Paradisbucht.

Neben den üblichen multimedialen Hilfsmitteln wie Projektor, portables Soundsystem, Netbooks und Macs, nahmen wir ebenfalls eine Bauplane mit. Die letzten beiden Seminare waren immer mit Regen verbunden, wir wollten aber eine Erweiterung der Spielzone – die Terrasse musste überdacht werden.

KGPA – Konkret Gute Preis Achmet

Am Tag der Abreise bestellten die beiden Hipster ein Taxi, um nach Oslo-S(entral) zu fahren; zuviel Gepäck, zuviel aber notwendig. Raus aus dem Taxi und schnell einen Gepäckwagen organisiert. Gestapelt und vollgepackt, und es hätte auch gut sein können, dass wir direkt aus Konstantinopel mit Norwegian.no anreissten, um einen Konkret-Gute-Preis-Achmet für neuen Falafelstand in Oslo aufzumachen. Aus dieser Realsatire wurde aber nichts und so ging es direkt nach Oslo-Gardermoen, um das Auto abzuholen und die Jungs aus Berlin zu empfangen.

Tunhovd3_KGPA Tunhovd3_Michi_Auto_Gardermoen

Time is an ocean, but it ends at the shore…

Für uns fing es aber erst an, die Auswahl der beiden Fahrer verlief ohne Probleme, da seit Monaten Michi und Timo darum baten. Michi übernahm die komplette Tour zum Tunhovdfjord. Er fuhr wie ein Getriebener, fast atemlos, und es ging alles sehr schnell. Nur Timo telefonierte die meiste Zeit, Wortfetzen wie „Bundeswehr“ ließen uns manchmal aufhorchen, aber im angehauchten Neoliberalismus ist ja alles möglich, sogar Geschäfte mit der Bundeswehr. Irgendwann wurde ließ auch Timo ab von der Arbeit und auch für ihn konnte es losgehen. Nach fast 3 h waren wir da; vorher ging es noch in den Supermarkt in Nesbyen – unsere Øl-, Wasser- als auch Schrimpsvorräte mussten aufgestockt werden.

Stephano war schon einen Tag vorher angereist und zeltete vor der Hütte mit Blick auf den See und das Feuer. Dabei machte er einige fantastische Tagesaufnahmen vom Tann. Wie das feine Lächeln der Mona Lisa schwebte der Fjord förmlich unter den Wolken.

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Endlich waren wir wieder angekommen und vereint; die Stimmung auf dem Höhepunkt und sogleich wurde das von Stephano angelegte Feuer von Neuem entfacht. Der Hüter des Feuers war zur Stelle und ließ keine Zweifel aufkommen, wer in den nächsten Tagen diesen Nimbus tragen durfte, denn schon nach kurzer Zeit brannte eine stattliche Lohe vor der Hütte.

Anyway…time is an ocean and it starts at the shore of Tunhovd.

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Steilvorlagen durch Traumpassspieler

Was war anders? Das Wasser am Strand zu Tunhovd hat sich im Vergleich zu 2008 um mindestens 5 m zurückgezogen. Die Wassertemperatur lag bei angenehmen 20°C, bis ca. 0,5 m unter der Wasseroberfläche; darunter fing dann gleich die arktische Sprungzone an. Die Traumpassspieler aus den Großstädten Mitteleuropas spielten sich die Steilpassvorlagen am Strand – in Form von Schrimpstellern und eisgekühlten Getränken – zu und genossen die Wärme sowie den Kick beim Abauchen in die arktische Sprungzone. Stephano versuchte sich auch gleich wieder im Angeln, er hatte die Hoffnung wahrscheinlich noch nicht aufgegeben, aber es sollte sich zeigen, dass der Fjord zum Angeln mit konventionellen Mitteln nicht geeignet ist. Da geht also noch was für die nächsten Male, soviel ist mal sicher.

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Gegen Abend wurde es multimedial im Tann, der Projektor aufgebaut, Kabel verlegt, Boxen hergerichtet, Plätze eingenommen, passende Filmgetränke serviert und Surferfilme gezeigt…Dude.

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Noch ein Löffelchen Tunhovd

Der nächste Tag zeigte sich von seiner besten Seite: Sonne, Wärme, Natur, Wasser, das Leben im Tann wird zur Insel. Die Internationale der Grossstadtnomaden verbrachte den Tag am See, eingebettet in die Mondäne Tunhovd, ein Ort, geschützt gelegen wie der Nibelungenschatz.

Der Hüter des Feuer hatte es schwer an diesem Tag, da eine Troika – bestehend aus Michi, Turbito und Sebas – anfing am Strand herumliegendes Holz zu stapeln; sie hatten Großes vor und wenig später begannen mannshohe Flammen zu zündeln.

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Gegen abend pojizierte der multimediale Durchlauferhitzer wieder cineastische Perlen auf weiße Leinwand – großes Kino eben.

Ist da Mango drin?

Was kann es schöneres geben, als ein kollektives Frühstück unter der Sonne im Tann? Momente der Bauernschläue? Gezielte Sprachverwirrungen? Unser mitgebrachte Mixer zauberte Smoothies und wurde in gelben Gläsern serviert. Scharfsinnig wurde die Frage gestellt, ob da etwa Mango drin ist, denn ein gelbes Glas lässt jeden servierten Smoothie zum Mangomixgetränk werden. Solche Wortsalben taten gut und ließen Raum zum assozieren und sich erinnern wie vielfältig Farbreflexionen auf verschiedene Menschen wirken; so wie auch das folgende Interview mit einem usbekischen Bauern aus den 1920iger Jahren aufzeigt:

Frage: Wo immer Schnee liegt, sind Tiere weiß. In Novaja Zemlya (Russland) liegt immer Schnee. Welche Farbe haben die Bären dort?

Antwort: Ich kenne nur schwarze Bären, und ich rede nicht über Dinge, die ich nicht selbst gesehen habe.

Frage: Ja, aber was legen meine Wort nahe?

Antwort: Wenn jemand nicht dort war, kann er aus den Worten gar nichts schließen.

Zuwenig Fantasie führt in diesem Fall zu Assoziationsschwierigkeiten, zuviel davon und die Fantasie geht spazieren ins Abenteuerland. Im Kollektivsingular wurde der Fragende vollmundig aufgeklärt und Mango war im nächsten Mixgetränk enthalten, trotz gelbem Glas.

Das Strand- und Badeleben ging ebenso weiter an diesem Tag wie unsere kulinarischen Vorlieben. Der Hirsch, schon am Tag vorher aufgetaut, wurde mit Knoblauch gespickt, gesalzen, gepfeffert, mit Cognac übergossen und in mehrere Lagen Alufolie eingewickelt. Die Hüter des Feuers (jetzt wieder) und seine talentierten Assistenten hatten die Lohe im Griff und die Glut vorbereitet – es konnte losgehen. Medial intoniert wurde nach fast drei Stunden – davon, wie sich später herausstellte, war eine Stunde zuviel – der Braten der Glut entrissen und mit Rosmarinkartoffeln sowie Salat serviert. Hirsch, wie Wild im allgemeinen, wird schnell sehr trocken, wenn es zu lange in der Hitze weilt; aber kulinarische Noblesse war es ohnehin.

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Zwischenzeitlich probten wir den Ernstfall, um uns gegen die ersten, doch sehr heftigen, Regenschauer zu schützen. Es musste sehr schnell gehen. Der nebendran gelegen Holzstapel ließ uns hoffen, ein passendes Gestell aus Holzlatten für unser Vorhaben zu finden, zu basteln, aufzurichten und zu befestigen; anschließend ließen die 60 m² Bauplane keine Zweifel aufkommen: Wir konnten uns im Trockenen wähnen. Timo und Stephano nutzten die Gelegenheit unter der Plane zu posen, wahrlich gelungen…

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Ging da noch mehr? Natürlich. Kein Tag ohne Feuer, eine neue Lohe musste wieder am Strand aufgebaut werden. Das Ergebnis war beeindruckend.

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Am Set

Der Sonntag sollte der Höhepunkt rund ums das feurige Element im Tann werden. Die letzten beiden Tage waren nur das Präludium für unser Vorhaben. Wir inspizierten die Feuerstelle vom letzten Tag, sie war noch warm, Steine waren durch die enorme Hitze gesprengt und vereinzelte Glutfetzen kohlten vor sich hin. Ein perfektes Set um das Setting aufzubauen, ein neues Feuer. Wir machten uns wieder daran den Strand nach holzigen “Treibgut” abzusuchen; es war noch reichlich da und in kürzester Zeit wurde ein neuer Turm zu Tunhovd gebaut. Übermannshoch türmte sich das trockenen Holz und leichte Rauchwolken stiegen aus dem Haufen, doch der Funke sprang nicht über. Wir mußten ein wenig nachhelfen und Michis Atem ließ die Glut zur Flamme werden und bald loderte der Turm und riesige Stichflammen stiegen empor. Die enorme Hitzewelle ließ uns instinktiv nach hinten bewegen. Aufkommender Wind spielte wild mit den Flammen, dunkle Rauchschwaden signalierte allen anderen Tunhovdzugereisten (am anderen Ufer), dass am Set etwas passierte. Unnachgiebig verzehrte das Feuer unser Strandgut, Steine platzten in der Glut und nach einiger Zeit fiel der Turm in sich zusammen; ein breiter Glutteppich breitet sich aus. Das ständige Kommentieren des Verlaufs vom Turmfall zu Tunhovd wurde zum emblematischen Symbol unserer feurigen Gigantonamie. Mehr geht nicht, oder etwa doch?

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Es sollte wieder Regen geben und Not macht erfinderisch, aber nicht frei, so heißt es doch so schön. In den vorherigen Tagen hatten wir schon ein wenig das Auf- als auch Abbauen der Regenplane über der Terrasse eingeübt. Dann kam Wind auf, einige zweifelten an der Haltbarkeit unseres Unterfanges, doch wir erkannten schnell, dass Realität ja bekanntlich nichts anderes als unser Vertrauen in sie ist und es kam uns real vertraut vor.

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Geht da noch mehr?

…das werden wir 2010 sehen, im Jahr der Fussball-WM in Südafrika.

Tunhov3_Wir

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